
Atari Teenage Riot
»Is This Hyperreal?«
Ist es wirklich schon so spät? Das Bild der Welt, das die neu formierten Atari Teenage Riot von der Welt zeichnen, ist alles andere als erfreulich – und das betrifft sowohl ihre echte wie auch ihre digitale Seite. Anders als so gut wie alle anderen, die dieses oder jenes beklagen, den Protestsong neu ausrufen oder sich in Weltuntergangsphantasien ergehen, wählen Alec Empire, CX KiDTRONiK und Nic Endo jedoch den Weg des Energieschubs, der Euphorie, der ekstatischen Entladung durch Noise, Punkrock, Verzerrung.
Überhaupt ist auf »Is This Hyperreal?«, ihrem erst vierten Album (und ihrem ersten seit 1999) vor allem Punkrock mit seinen distorted Guitars als treibendes Element auszumachen – die zum Markenzeichen ATRs gewordenen Breakbeats wurden weitgehend abgestellt. Aus der Konfrontation von Elektronik und Analogem entsteht Dynamik. Das Ergebnis ist nichts weniger als alles umblasend. Das Comeback des Jahres besticht durch eine physische Präsenz des Sounds, der all die in den letzten Jahren in Mode gekommenen Frickeleien und Perfektionierungen anderer Bands wegpusten, als handelte es sich bei deren Konzepten um Papierhäuser.
Alec Empire hat mit »Is This Hyperreal?« eine Soundarchitektur neu entwickelt, die auf altbekannten Elementen aufbaut, aber viel weiter geht als jedes Album von Atari Teenage Riot zuvor. Möglicherweise war er selbst überrascht über die Welle der Euphorie, die letztes Jahr mit der bloßen Ankündigung eines Auftritts im Londoner Forum losgetreten wurde. Wer damals auf Facebook war, rieb sich täglich erstaunt die Augen: Kaum ein Tag verging, an dem sich die ATR-Welttournee nicht um weitere Daten erweitert wurde. Der krasse Höhepunkt der letztjährigen Tour war der Surprise-Gig auf der Fusion, als Hunderte von Fans (friedlich) die Bühne stürmten, mit der Band tanzten und das Festival für die Dauer des Auftritts in einen Ausnahmezustand versetzten.
Die neue Dringlichkeit von ATR ist die alte, nur dass wir sie heute vielleicht besser verstehen, da wir jetzt wissen, dass die Slogans und Parolen Empires, Endos und CX KiDTRONiKs trotz aller Faszination für die Mezzaningeschosse der Virtualität einer echten, politischen Agenda folgen. Im Titelstück »Is This Hyperreal?« ruft Empire durch ein Megaphon: »Achtung, Achtung, hier spricht Atari Teenage Riot! Wir haben uns verbündet und wir werden zusammen zum Bundestag marschieren. Und wir sagen: Hände hoch! Kommen Sie sich mit erhobenen Händen heraus. Sie sind verhaftet!« (Zitat prüfen) Als Hörer fühlen wir uns an den legendären ATR-Track »Hetzjagd auf Nazis« von 1992 erinnert. Alles klingt in diesem Monster von einem cinematografisch-epischen Song, als ob es sofort explodieren könnte. Meisterhaft werden Spannungen aufgebaut und zerstört. Dieses dramaturgische Moment ist ein Merkmal, das »Is This Hyperreal?« von anderen, früheren Alben ATRs unterscheidet.
Das Album behandelt die Frage nach Form und Notwendigkeit politischer Aktion im digitalen Zeitalter. Weit und breit sind Atari Teenage Riot damit eine der wenigen Bands, die ihr Seelenheil nicht in Kategorien wie Glück, Wohlklang oder Virtuosität suchen, sondern in Konfrontation und Unbeugsamkeit. Dass in der Gefahr die Schönheit liegt, wissen wir seit Langem. Aber dass politische Wortmeldung sich so kathartisch wie bei ATR in Schönheit und Noise ausdrücken kann, das ist außerordentlich und mehr als bemerkenswert.